Warum ich auch darüber schreibe
In meiner Arbeit mit Tieren – und besonders mit Pferden – begegnet mir ein Thema immer wieder: Präsenz. Oder besser gesagt, das Fehlen davon.
Viele Menschen glauben, dass die Begegnung mit ihrem Tier erst in dem Moment beginnt, in dem sie im Stall ankommen. Doch aus Sicht der Tiere ist das längst nicht der Fall.
Verbindung beginnt viel früher.
Tiere lesen mehr als wir denken
Pferde sind Fluchttiere. Ihr Überleben hing – und hängt auch heute noch – davon ab, feinste Veränderungen in ihrer Umgebung wahrzunehmen. Sie scannen permanent ihre Umwelt: Bewegungen, Geräusche, Körpersprache… und auch das, was wir oft nicht bewusst wahrnehmen – Stimmungen, Spannungen, innere Zustände.
In der Wissenschaft wird immer deutlicher, dass Tiere extrem sensibel auf Körpersignale, Gerüche, Herzfrequenz und Spannungszustände reagieren. Studien zeigen beispielsweise, dass Pferde menschliche Emotionen anhand von Mimik und Körperhaltung unterscheiden können – und entsprechend darauf reagieren.
Doch in meiner Arbeit erlebe ich immer wieder, dass diese Wahrnehmung noch weiter geht.
Die unsichtbare Verbindung
Viele Tiere – nicht nur Pferde – stehen in einem feinen, kontinuierlichen Austausch mit ihrer Umgebung. Man könnte es als eine Art „Feld“ beschreiben, in dem Informationen fließen.
Vielleicht kennst du das selbst: Du denkst intensiv an dein Tier – und kurz darauf wirkt es unruhig oder besonders aufmerksam. Oder du kommst mit einer bestimmten Stimmung in den Stall – und dein Pferd reagiert sofort darauf, noch bevor du es überhaupt berührt hast.
Aus Sicht des Tieres ist das nichts Besonderes. Es ist normal.
Denn für ein Pferd bist du nicht nur körperlich präsent – du bist ein Teil seines Bezugssystems.
Ein Blick in die Natur
In der Tierwelt ist diese Form der Wahrnehmung überlebenswichtig.
Beobachtungen an Wildtieren zeigen immer wieder, wie fein abgestimmt ihre Reaktionen sind. Bei Zebras beispielsweise wurde festgestellt, dass sie sehr genau unterscheiden, wann von einem Raubtier tatsächliche Gefahr ausgeht – und wann nicht.
Ein Löwe, der satt ist, stellt in der Regel keine unmittelbare Bedrohung dar. Die Zebras bleiben ruhig und fressen weiter. Ist der Löwe jedoch hungrig, verändert sich sein Verhalten – und die Zebras reagieren frühzeitig mit Flucht.
Diese feinen Unterschiede wahrzunehmen, entscheidet über Leben und Tod.
Und genau diese Fähigkeit tragen auch unsere Pferde in sich.
Was das für dich und dein Pferd bedeutet
In der Tierkommunikation wurde mir von Pferden immer wieder etwas sehr Ähnliches gespiegelt:
„Mein Mensch ist oft gar nicht wirklich da.“
Körperlich anwesend – ja.
Aber gedanklich ganz woanders.
Im Alltag. Im Stress. Im nächsten Termin.
Oder sogar am Telefon, während er oder sie beim Pferd ist.
Für das Pferd ist das schwer zu verstehen.
Denn für das Tier bist du in diesem Moment seine Orientierung. Sein Gegenüber. Seine Sicherheit.
Wenn du nicht wirklich da bist, entsteht eine Lücke.
Und diese Lücke kann sich unterschiedlich zeigen:
Unsicherheit. Unruhe.
Oder auch ein angepasstes Verhalten, das eher aus „Funktionieren“ entsteht als aus echtem Vertrauen.
Klarheit beginnt in dir
Pferde reagieren nicht nur auf das, was du tust – sondern auf das, was du bist.
Auf deine innere Haltung.
Deine Klarheit.
Deine Stimmung.
Wenn du unsicher bist, spürt dein Pferd das.
Wenn du gestresst bist, spürt es das.
Wenn du präsent bist – spürt es auch das.
Und genau hier liegt eine große Chance.
Denn du kannst deinem Pferd Sicherheit geben – nicht nur durch Training oder Technik, sondern durch deine Präsenz.
Indem du wirklich da bist.
Ein stilles Gespräch
Vielleicht beginnt echte Verbindung genau dort, wo wir still werden.
Wo wir das Handy beiseite legen.
Wo wir nicht schon im „Danach“ sind.
Wo wir für einen Moment einfach nur ankommen – bei uns selbst und bei unserem Tier.
Denn dein Pferd nimmt dich wahr.
Viel früher, viel feiner und viel ehrlicher, als du vielleicht denkst.
Und vielleicht ist genau das die Einladung:
Weniger tun.
Mehr da sein.
Denn manchmal ist das Wertvollste, was du deinem Tier geben kannst – deine echte, unverfälschte Präsenz.

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