Decke oder NichtDecke – das ist hier die Frage
Natürlich fragst Du erst einmal die Stallgruppe.
„Deckst du heute ein?“
„Was hast du drauf?“
„Wie viel Gramm?“
„Also meiner trägt jetzt 100 Gramm.“
Und ehe man sich versieht, stehen mehrere Pferde mit Decken da. Nicht unbedingt, weil mehrere Pferde individuell betrachtet wurden. Sondern weil einer angefangen hat.
Dabei gäbe es noch jemanden, den man fragen könnte:
das Pferd.
Ja. Tatsächlich.
Und bevor jetzt jemand denkt, dies sei wieder eine dieser FeenTier-Ideen aus der Welt der Tierkommunikation:
Nein. Ist es nicht – ist belegt. Diesmal hat sogar „die Wissenschaft“ die Pferde gefragt.
Decke drauf. Decke runter. Oder alles so lassen.
2016 veröffentlichten Cecilie M. Mejdell, Turid Buvik, Grete H. M. Jørgensen und Knut E. Bøe im Fachjournal Applied Animal Behaviour Science die Studie:
„Horses can learn to use symbols to communicate their preferences.“
23 Pferden unterschiedlichen Alters und verschiedener Rassen wurde beigebracht, drei neutrale Symbole mit jeweils einer bestimmten Konsequenz zu verbinden:
Decke an.
Decke aus.
Keine Veränderung.
Die Pferde konnten durch Berühren der entsprechenden Symboltafel mit der Nase mitteilen, was mit ihrer Decke geschehen sollte.
Und sie lernten.
Alle 23 von 23 Pferden erfüllten innerhalb von höchstens zwei Wochen Training die Lernkriterien. Die Pferde konnten anschließend die Symbole benutzen, um einem Menschen mitzuteilen, ob sie eine Decke angezogen, ausgezogen oder den bestehenden Zustand unverändert lassen wollten.
Ich lasse das kurz wirken.
Die Pferde brauchten höchstens zwei Wochen, um drei Symbole zur Kommunikation mit Menschen benutzen zu lernen.
Vielleicht wäre der nächste interessante Forschungsauftrag deshalb:
Wie lange brauchen Menschen, um zu lernen, ihren Pferden zuzuhören?
„Aber ein Pferd weiß doch gar nicht, ob es eine Decke braucht.“
Ach wirklich? Und Du weisst das? Besser?
Das Pferd weiß vielleicht nicht, ob auf dem Etikett seiner Decke 50, 100 oder 200 Gramm steht.
Es hat vermutlich auch keine Wetter-App.
Aber es weiß ziemlich sicher, wie sich sein eigener Körper anfühlt.
Es erlebt Kälte.
Wärme.
Wind.
Regen.
Sonne.
Es erlebt, ob sein Fell nass ist.
Es spürt, ob etwas auf seinem Körper liegt.
Und es erlebt selbstverständlich auch, wie es sich mit oder ohne Decke fühlt.
Ein Pferd ist schließlich kein Stofftier.
Und genau deshalb finde ich diese Studie so bemerkenswert.
Nicht, weil sie beweist, dass Pferde telepathisch kommunizieren. Das tut sie nicht.
Sie zeigt etwas anderes — und das allein ist schon ziemlich groß – zu groß ? für die meisten:
Pferde können eine erlernte Kommunikationsmöglichkeit gezielt nutzen, um einem Menschen eine eigene Präferenz mitzuteilen.
Sie haben also etwas zu sagen. Wir brauchen offenbar manchmal „nur“ einen Übersetzer, den auch der Mensch akzeptiert.
Und was passierte, als die Pferde wirklich wählen durften?
2019 ging die Forschungsgruppe einen Schritt weiter.
Cecilie M. Mejdell, Grete H. M. Jørgensen, Turid Buvik, Torfinn Torp und Knut E. Bøe untersuchten, wie sich unterschiedliche Wetterbedingungen auf die Deckenwahl der Pferde auswirkten.
Die Pferde nutzten dafür wieder das zuvor erlernte Symbolsystem. Und ihre Entscheidungen waren keineswegs beliebig.
Bei Lufttemperaturen deutlich unter 0 °C zeigten diese Pferde eine klare Präferenz für das Tragen einer Decke.
Aber besonders spannend finde ich:
Auch bei vermeintlich moderaten Temperaturen von +5 bis +10 °C wählten Pferde eine Decke, wenn gleichzeitig Regen und/oder starker Wind hinzukamen.
Bei Temperaturen von über +10 °C entschieden sich dagegen nur sehr wenige Pferde für eine Decke.
Und insgesamt zeigte sich kein Unterschied zwischen Warmblütern und Kaltblütern hinsichtlich ihrer Präferenz für das Tragen einer Decke. Spannend oder?
Auch Wind, Niederschlag und Sonne spielten eine Rolle:
Mit zunehmender Windgeschwindigkeit stieg die Wahrscheinlichkeit, dass ein Pferd eine Decke wählte.
Niederschlag erhöhte diese Wahrscheinlichkeit ebenfalls.
Sonneneinstrahlung verringerte sie.
Mit anderen Worten:
Die Pferde haben differenziert.
Sie haben nicht einfach gelernt: „Symbol mit Decke = gut.“
Oder: „Symbol ohne Decke = gut.“
Ihre Entscheidungen veränderten sich mit den Bedingungen.
Und das dürfte spätestens an dieser Stelle die Vorstellung ein wenig erschüttern, ein Pferd habe zu solchen Dingen ohnehin keine eigene Meinung – aus welchem Grund auch immer… Wer hat das behauptet?
Vielleicht liegt das Problem gar nicht beim Pferd
Seit vielen Jahren beschäftige ich mich mit Tierkommunikation. In meiner Welt sind Tiere sehr viel kommunikationsfähiger, als wir Menschen ihnen häufig zugestehen. Und nein:
Die eben genannten Studien beweisen meine Form der Tierkommunikation nicht. Das sollen sie auch gar nicht.
Ich finde etwas anderes daran faszinierend.
Diese Menschen waren offensichtlich bereit, anzuerkennen, dass ein Pferd eine eigene Präferenz äußert, nachdem sie ihm zuvor ihre Form von verständlicher Kommunikation beigebracht hatten.
Drei Symbole.
Decke an. Decke aus. Nichts verändern.
Und plötzlich konnten sie verstehen, was das Pferd wollte.
Vielleicht ist das Pferd also nie das Kommunikationsproblem.
Vielleicht fehlte bisher nur Deine Bereitschaft, ihm zuzuhören.
Wir fragen erstaunlich viele Menschen. Nur manchmal nicht das Pferd.
Das ist etwas, das mich in der Pferdewelt immer wieder fasziniert.
Wir fragen:
die Stallkollegen.
den Trainer.
die Facebookgruppe.
die WhatsAppgruppe.
das Internet.
irgendeine Tabelle.
Und manchmal übernimmt man einfach die Entscheidung des Menschen drei Boxen weiter.
Der deckt ein.
Also decke ich auch ein.
Der schert.
Also schere ich vielleicht auch.
Der macht es seit zwanzig Jahren so.
Dann wird es wohl richtig sein.
Vielleicht dürfen wir an dieser Stelle etwas wiederentdecken, das gar nicht kompliziert ist:
selbst beobachten.
selbst Wissen erwerben.
selbst denken. -ich weiß ist echt schwer und sehr viel verlangt… Vertraue Dir – Du schaffst das – Hilfe?
das eigene Pferd als Individuum betrachten.
Und vielleicht sogar:
das Pferd selbst fragen.
Ob über eine erlernte Symbolsprache wie in diesen Studien.
Über sehr genaue Beobachtung.
Über Verhalten und Körpersprache.
Oder — für Menschen, die diesen Zugang haben — über Tierkommunikation.
Entscheidend ist für mich etwas anderes:
Dass wir überhaupt wieder auf die Idee kommen, dass dort vor uns jemand steht. Nicht etwas.
Dein Pferd ist kein Stofftier
Ein Pferd besitzt Wahrnehmung.
Es besitzt Bedürfnisse.
Es besitzt Vorlieben.
Und spätestens seit diesen Untersuchungen können wir schlecht behaupten, Pferde seien grundsätzlich nicht in der Lage, uns eine eigene Präferenz mitzuteilen.
Wenn wir ihnen eine Kommunikationsmöglichkeit anbieten, können sie diese nutzen.
Die Pferde haben das innerhalb von höchstens zwei Wochen gelernt.
Vielleicht sind jetzt tatsächlich einmal wir dran.
Zuzuhören.
Quellen
Mejdell, C. M., Buvik, T., Jørgensen, G. H. M. & Bøe, K. E. (2016):
Horses can learn to use symbols to communicate their preferences.
Applied Animal Behaviour Science, Vol. 184, S. 66–73.
DOI: 10.1016/j.applanim.2016.07.014.
Zur Originalstudie bei ScienceDirect
Mejdell, C. M., Jørgensen, G. H. M., Buvik, T., Torp, T. & Bøe, K. E. (2019):
The effect of weather conditions on the preference in horses for wearing blankets.
Applied Animal Behaviour Science, Vol. 212, S. 52–57.
DOI: 10.1016/j.applanim.2019.02.001.
Zur Originalstudie bei ScienceDirect

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