7 Grad. 50 Gramm. Hat dein Pferd das auch gelesen?

Es gibt sie jedes Jahr wieder.

Diese Tabellen.

Temperatur X = Decke Y.

7 Grad?

50 Gramm.

2 Grad?

100 Gramm.

Minus 5?

Noch ein bisschen mehr.

Meine Frage ist:

Hat dein Pferd das auch gelesen?

Denn so praktisch Tabellen sein können – sie haben einen entscheidenden Nachteil:

Sie kennen dein Pferd nicht.

Sie kennen sein Alter nicht.

Sie kennen seinen Gesundheitszustand nicht.

Sie wissen nicht, wie viel Winterfell es entwickelt hat.

Sie wissen nicht, ob es geschoren ist oder nicht.

Sie kennen seine Bewegungsmöglichkeiten nicht.

Sie wissen nicht, ob es in der Sonne steht, im Wind oder im waagerechten Regen.

Und sie wissen ganz sicher nicht, wie dieses eine Pferd heute empfindet.

8 Grad sind nicht immer 8 Grad

Genau das fand ich an der Studie von Mejdell und ihren Kollegen aus dem Jahr 2019 so spannend.

Die Pferde wurden nicht einfach gefragt:

„Möchtest du bei 5 Grad eine Decke?“

Sondern ihre Entscheidungen wurden unter unterschiedlichen Wetterbedingungen beobachtet.

Und siehe da:

Die Pferde unterschieden sehr wohl.

Bei deutlich unter 0 °C zeigte sich eine klare Präferenz für eine Decke.

Bei Temperaturen von ungefähr +5 bis +10 °C wurde eine Decke ebenfalls häufiger gewählt, wenn gleichzeitig Regen und/oder starker Wind hinzukamen.

Bei über +10 °C entschieden sich nur noch sehr wenige Pferde für eine Decke.

Auch Wind, Niederschlag und Sonneneinstrahlung spielten eine Rolle.

Das ist eigentlich logisch.

Und trotzdem behandeln wir Temperaturangaben manchmal, als seien sie eine vollständige Wahrheit.

Sind sie nicht.

8 Grad in Sonne und Windstille sind nicht dasselbe wie 8 Grad bei kaltem Wind und Regen.

Das weiß übrigens nicht nur dein Pferd. Das weißt du selbst vermutlich auch.

Mein Pferd hat mir das auf eine ziemlich unangenehme Weise beigebracht

Parsival ist inzwischen 21 Jahre alt. Ein Friese. Ungeschoren.

Mit ordentlichem Winterfell. Decke früher ab – 5° ..

Vor ungefähr drei Jahren habe ich ihn im Februar einmal nicht eingedeckt. Es waren ungefähr 8 Grad. Eigentlich eine Temperatur, bei der ich damals gedacht habe: Das passt. Keine Decke nötig. Dann kamen jedoch nachts kalter Wind und Regen dazu. Sch….

Und hinterher hatte Parsival so richtig Probleme mit dem Rücken. Alles steif, Aua – „ich bin die schlechteste Pferdebesitzerin ever, hätte ich doch…. hab ich nicht… Fehler gemacht – sch….. , wie konnte das nur…. ich blöde …. usw usw. Und natürlich kommt dann genau dieser eine Satz:

Hätte ich ihm doch die Decke draufgetan.

Dieses schlechte Gewissen kennt vermutlich jeder Pferdemensch, der irgendwann einmal rückblickend gedacht hat: SCh… Das hätte ich anders entscheiden sollen.

Ich auch. Ich kann diese Nacht nicht ändern.

Doch ich kann daraus lernen. Das vermeide ich in Zukunft. Bin achtsamer. Und genau das habe ich getan.

Nicht im Sinne von: 8 Grad = ab jetzt immer Decke.

Sondern im Sinne von:

8 Grad allein reichen mir als Information nicht mehr.

Ich schaue heute genauer. – vor allen Dingen nach Regen…

und das Alter verändert Entscheidungen

Mit 8 oder 10 Jahren hätte ich bei Parsival manches anders entschieden als heute mit 21. Mit zunehmendem Alter verändert sich der Körper.

Auch Rücken und Muskulatur reagieren möglicherweise empfindlicher. Die Fähigkeit zur Thermoregulation verschwindet natürlich nicht plötzlich.

Aber die individuelle Belastbarkeit eines älteren Pferdes kann eine andere sein als die eines jungen.

Und genau deshalb macht es für mich wenig Sinn, nur nach einer Zahl auf dem Thermometer zu entscheiden.

Haltung spielt eine Rolle

Parsival hat eine Box mit angrenzendem großem Paddock.

Zusätzlich geht er im Winter täglich – je nach Wetter – ungefähr drei bis vier Stunden auf ein wesentlich größeres Sandpaddock, teilweise gemeinsam mit anderen Pferden.

Dort kann er sich frei bewegen. das ist schön. Was er dort allerdings nicht kann: sich unterstellen.

Es gibt dort noch keinen Witterungsschutz. Wenn also kalter Regen und Wind über Stunden auf ihn treffen, gibt es unterschiedliche Möglichkeiten:

Er trägt ihn mit Fell und Körperregulation aus. er bleibt drinnen auf seinem Paddock bzw. besucht die Führanlage zur Bewegung – und wir laufen nachmittags zusammen draussen rum – machen wir sowieso meistens –

Oder ich biete ihm zusätzlichen Schutz.

Bei entsprechendem Wetter bekommt er deshalb auch einmal eine ungefütterte Regendecke.

Nicht weil ich selbst friere.

Nicht weil die Stallkollegin ihrem Pferd eine Decke angezogen hat.

Und auch nicht, weil irgendeine Tabelle sagt:

Heute ist Deckentag.

Sondern weil ich Parsival und die Bedingungen kenne.

Und wenn ich unsicher bin, frage ich ihn

Seit Jahren frage ich mein Pferd bei Unsicherheit selbst.

Nicht immer in Form eines ausführlichen Tiergesprächs.

Ich verbinde mich mit seinem Körperbewusstseinssystem und frage konkret:

Möchtest du eine Decke?

Die Antwort überprüfe ich kinesiologisch.

Meistens ist sie ziemlich eindeutig.

Ja.

Oder nein.

Für mich ist das keine Ersatzhandlung für Wissen oder Beobachtung.

Im Gegenteil.

Ich schaue auf:

Temperatur.

Wind.

Regen.

Sonne.

Alter.

Bewegung.

Haltung.

Aktuellen Zustand.

Und wenn ich danach immer noch unsicher bin, frage ich zusätzlich.

So entsteht aus meiner Sicht eine Entscheidung, die deutlich mehr mit dem individuellen Pferd zu tun hat als:

„Die anderen decken heute auch ein.“

Nicht jedes Pferd ist dein Pferd

Das ist vielleicht mein größter Punkt.

Nur weil ein Pferd in deiner Stallgasse heute 100 Gramm trägt, heißt das nicht, dass deins auch 100 Gramm braucht.

Nur weil ein Kaltblut nebenan ohne Decke steht, heißt das nicht, dass deins keine möchte.

Nur weil dein Pferd schonmal Jahr bei 5 Grad wunderbar ohne Decke stand, heißt das nicht automatisch, dass es dieses Jahr mit zehn Jahren mehr auf dem Buckel genauso empfindet.

Und nur weil du selbst frierst, heißt das noch lange nicht, dass deinem Pferd kalt ist.

Pferde sind Individuen.

Warum behandeln wir sie beim Eindecken dann manchmal wie eine Serienproduktion?

Tabellen können helfen. Aber sie dürfen nicht denken.

Eine Tabelle kann Orientierung geben.

Mehr nicht.

Sie kann dir eine erste Richtung zeigen.

Sie kann dich daran erinnern, dass Minusgrade anders zu bewerten sind als 15 Grad.

Aber sie kann dir nicht die Entscheidung abnehmen.

Denn sie kennt dein Pferd nicht.

Und vielleicht liegt genau dort der Unterschied zwischen Pferd halten und Pferd wirklich beobachten.

Was hilft stattdessen?

Erfahrung.

Beobachtung.

Dokumentation.

Denn unser Gedächtnis ist miserabel.

Wir glauben irgendwann:

„Letztes Jahr hatte er bei 3 Grad auch schon die 100-Gramm-Decke an.“

Hatte er? Oder waren es -3?

Hat es geregnet?

War es windig?

Stand er draußen oder war er im geschützten Bereich?

War er gesund?

Wie alt war er da?

Wie hat er sich bewegt?

Genau deshalb finde ich Aufzeichnungen so wertvoll.

Nicht um daraus die nächste pauschale Regel zu bauen.

Sondern um das eigene Pferd besser kennenzulernen.

Deshalb hat die Decke bei „zwischen Herzschlag und Hufschlag“ eine eigene Spalte

Genau aus diesem Grund gibt es in meinem Pferdetagebuch „zwischen Herzschlag und Hufschlag“ nicht einfach nur Raum für Wetter und Temperatur.

Sondern ganz bewusst auch für die Frage:

Welche Decke hatte mein Pferd an?

Denn erst in der Verbindung wird es interessant:

Wie war das Wetter?

Wie kalt war es?

Wie windig?

Welche Decke lag drauf?

Wie ging es meinem Pferd?

Und irgendwann entsteht daraus etwas, das keine Internet-Tabelle ersetzen kann:

die persönliche Erfahrungsbibliothek deines eigenen Pferdes.

Nicht irgendeines Pferdes.

Deines.

Vielleicht stellst du dann im nächsten Winter fest:

„Ah, genau bei diesem Wetter hatte er letztes Jahr diese ungefütterte Regendecke drauf – und damit ging es ihm gut.“

Oder:

„Interessant. Bei derselben Temperatur, aber ohne Wind, brauchte er damals gar nichts.“

Das ist Information, mit der du wirklich etwas anfangen kannst.

Und vielleicht ist genau das die bessere Lösung:

Nicht noch eine allgemeine Deckentabelle.

Sondern bessere Daten über das eigene Pferd.

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Und nein: Eindecken ist nicht gut oder schlecht

Das möchte ich zum Schluss noch einmal deutlich sagen.

Ich bin weder grundsätzlich fürs Eindecken noch grundsätzlich dagegen.

Ich bin gegen Automatismen.

Gegen Nachplappern.

Gegen das blinde Übertragen fremder Entscheidungen.

Und dafür:

genau hinzusehen.

Wissen aufzubauen.

Erfahrungen ernst zu nehmen.

Das eigene Pferd als Individuum zu betrachten.

Und bei Unsicherheit vielleicht auch einmal eine ganz einfache Frage zu stellen:

Möchtest du eine Decke?

Denn dein Pferd ist kein Thermometer.

Keine Tabelle.

Und schon gar kein Stofftier.


Quelle

Mejdell, C. M., Jørgensen, G. H. M., Buvik, T., Torp, T. & Bøe, K. E. (2019):
The effect of weather conditions on the preference in horses for wearing blankets.
Applied Animal Behaviour Science, Vol. 212, S. 52–57.
DOI: 10.1016/j.applanim.2019.02.001.
Zur Originalstudie bei ScienceDirect

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