Abgestiegen – und jetzt? Warum dein Pferd nach der Arbeit noch schwitzt

Du steigst ab. Sattel runter. Und dein Pferd dampft.

Der Hals ist nass. Unter dem Sattel sowieso?

Vielleicht läuft sogar noch Schweiß nach.

Und spätestens jetzt kommt gerne die Frage:

„Wie bekomme ich das Pferd möglichst schnell trocken?“

Ich würde noch eine andere davor setzen:

Was macht der Körper meines Pferdes gerade eigentlich noch?

Denn nur weil das Training beendet ist, heißt das noch lange nicht, dass der Körper fertig ist.

Absteigen ist nicht automatisch Trainingsende

Während der Bewegung produziert der Körper Wärme.

Sehr viel Wärme.

Bei körperlicher Belastung wird nur ein Teil der im Muskel umgesetzten Energie tatsächlich in Bewegung umgesetzt. Ein großer Teil entsteht als Wärme und muss wieder abgegeben werden.

Dafür erweitert der Körper unter anderem die Gefäße der Haut, erhöht die Atmung und beginnt zu schwitzen.

Und diese Vorgänge hören nicht in der Sekunde auf, in der wir absteigen.

Der Stoffwechsel fährt nicht per Knopfdruck herunter.

Die Muskeln produzieren weiterhin Wärme.

Der Kreislauf arbeitet.

Die Körpertemperatur normalisiert sich nach und nach.

Das Pferd befindet sich in der Erholungsphase.

Vielleicht darf die deshalb auch einen festen Platz im Training bekommen.

Noch eine Runde Schritt? Ja, vielleicht genau das.

Eine Studie mit 25 Pferden untersuchte unterschiedliche Formen und Zeiträume des Cool-downs nach intensiver Belastung.

Dabei zeigte sich, dass aktive Erholung – also weitere Bewegung in niedriger Intensität – verschiedene Erholungsparameter gegenüber rein passivem Stehen positiv beeinflussen konnte. Besonders die ersten 15 bis 30 Minuten nach der Belastung waren dabei relevant.

Das heißt natürlich nicht:

Jedes Pferd muss nach jedem Training exakt 30 Minuten geführt werden.

Das wäre schon wieder die nächste Tabelle. Und wir wissen inzwischen, was ich von starren Tabellen halte. Aber vielleicht ist eine zusätzliche Viertelstunde Schritt manchmal sinnvoller als:

absteigen, Sattel runter, Pferd in die Box, Decke drauf,

fertig.

Vielleicht ist das Training eben erst dann vorbei, wenn auch der Körper wieder ein gutes Stück heruntergefahren ist.

Und was ist mit dem Nachschwitzen?

Nachschwitzen wirkt auf manche Pferdemenschen fast wie eine Störung.

„Jetzt schwitzt er ja immer noch!“

Ja.

Das kann passieren.

Das Pferd gibt weiterhin gespeicherte Wärme ab.

Wenn man es unmittelbar nach Belastung abstellt, kann sich diese Wärme weiterhin aus dem Körperinneren Richtung Haut bewegen.

Auch in Studien zur Thermoregulation blieben Atemfrequenz, Hauttemperaturen oder Körpertemperatur noch während der Erholungsphase verändert.

Das bedeutet nicht, dass jedes starke oder lang anhaltende Schwitzen einfach ignoriert werden sollte.

Aber:

Schweiß nach Trainingsende bedeutet nicht automatisch, dass etwas falsch läuft.

Vielleicht reguliert der Körper schlicht noch.

Trocken ist nicht dasselbe wie erholt

Das finde ich besonders wichtig.

Wir Menschen schauen gerne auf die Oberfläche:

Fell trocken? Prima. Pferd fertig.

Aber der Stoffwechsel hat keine Ahnung davon, dass wir gerade mit der Hand über das Fell gestrichen und „trocken“ festgestellt haben.

Ein Pferd kann äußerlich schon weitgehend trocken wirken und physiologisch noch mitten in der Erholung sein.

Umgekehrt kann ein Pferd noch feuchte Fellbereiche haben und trotzdem bereits deutlich heruntergefahren sein.

Deshalb würde ich nicht nur aufs Fell schauen.

Sondern auch:

Wie ist die Atmung? Wie ist der Puls? Wie wirkt das Pferd?

Ist es entspannt? Ist die Haut noch sehr warm?

Schwitzt es weiter stark nach? Wie schnell normalisiert sich sein Zustand? Und vor allem:

Wie verhält sich dieses Pferd normalerweise nach vergleichbarer Arbeit?

Schon wieder Individualität.

Wie lästig. 😉

Muss dann gleich die Schermaschine her?

Genau an diesem Punkt schließt sich Teil 4 an unseren letzten Artikel an.

Ein Pferd mit dickem Winterfell kann nach Belastung deutlich nasser sein und länger brauchen, um Wärme und Feuchtigkeit abzugeben.

Das ist real.

Untersuchungen an Pferden mit Winterfell zeigen, dass ungeschorene Pferde unter Belastung stärkere thermoregulatorische Reaktionen zeigen können als geschorene Pferde. Bei drei Pferden in einer Untersuchung bei Temperaturen bis etwa -9 °C war die Atemfrequenz bei ungeschorenen Pferden höher, und die Körpertemperatur blieb in der Erholungsphase länger erhöht.

Eine weitere Studie an sechs Trabern zeigte ebenfalls, dass Scheren bei intensiver Belastung die Wärmeabgabe verbessern und die Erholung der Atemfrequenz verkürzen kann.

Also:

Ja.

Für bestimmte Pferde kann Scheren absolut sinnvoll sein.

jedoch bevor aus

„Mein Pferd schwitzt nach dem Training“

automatisch

„Mein Pferd braucht eine Schur“

wird, gibt es vielleicht noch ein paar Fragen.

Was haben wir eigentlich vor der Schermaschine ausprobiert?

Zum Beispiel:

Einen vernünftigen Cool-down

Noch eine ruhige Runde Schritt.

Vielleicht eine Viertelstunde um den Block.

Vielleicht länger oder kürzer – abhängig von Belastung, Trainingszustand und Pferd.

Eine gute Abschwitzdecke

Eine Abschwitzdecke kann helfen, Feuchtigkeit vom Fell wegzuführen und gleichzeitig verhindern, dass ein nasses Pferd bei kalter Umgebung unnötig auskühlt.

Heute gibt es dafür die unterschiedlichsten Materialien.

Fleece.

Wolle.

Funktionsgewebe.

Decken mit verschiedenen feuchtigkeitsleitenden Strukturen.

Und ja – auch Materialien mit eingearbeiteten metallischen beziehungsweise reflektierenden Fasern.

Ob die teuerste davon automatisch die beste für dein Pferd ist?

Keine Ahnung.

Ausprobieren. Beobachten.

Wie so oft.

Oder ganz revolutionär: Stroh.

Früher haben wir verschwitzte Pferde abgerieben.

Und wenn nötig, kam Stroh unter die Decke.

Die Halme sorgten dafür, dass die Decke nicht direkt auf dem nassen Fell lag und Luft dazwischen zirkulieren konnte.

Extrem unspektakulär.

Keine App.

Keine Hightechfaser.

Nicht einmal Bluetooth.

Hat trotzdem funktioniert.

Manchmal waren unsere alten Lösungen vielleicht gar nicht so dumm.

Und das Solarium?

Auch ein Pferdesolarium kann das Trocknen und Wärmemanagement unterstützen.

Ich würde daraus allerdings keine pauschale Zeitangabe machen. Ich habe keine belastbare wissenschaftliche Untersuchung gefunden, aus der sich seriös ableiten ließe:

„Ein nasses Pferd braucht genau X Minuten unter dem Solarium.“

Das wäre auch kaum sinnvoll.

Denn wie schnell ein Pferd trocknet, hängt unter anderem ab von:

Felllänge.

Schweißmenge.

Raumtemperatur.

Luftfeuchtigkeit.

Luftbewegung.

Größe der nassen Fläche.

und natürlich vom individuellen Pferd.

Das Solarium kann also ein Werkzeug sein.

Aber keine Stoppuhrregel.

Abschwitzdecke drauf und fertig?

Auch hier lohnt sich Beobachtung.

Wenn eine Abschwitzdecke irgendwann selbst stark feucht ist, kann es sinnvoll sein, sie gegen eine trockene zu wechseln.

Und sobald das Pferd trocken genug ist und seine Wärmeproduktion deutlich gesunken ist, darf erneut entschieden werden:

Braucht es jetzt eine normale Stall- oder Winterdecke?

Oder gar nichts?

Denn auch eine Abschwitzdecke sollte nicht einfach deshalb stundenlang auf dem Pferd bleiben, weil wir vergessen haben, dass sie da ist.

Und bei Hitze gelten andere Regeln

Einen Punkt möchte ich deutlich trennen.

Ein Pferd, das nach normaler Winterarbeit nass ist, ist etwas anderes als ein Pferd, das bei großer Hitze intensiv gearbeitet hat und überhitzt.

Bei hoher Umgebungstemperatur und hoher Luftfeuchtigkeit ist aktive Kühlung mit Wasser sehr wirksam.

In einer Untersuchung an fünf Vollblutstuten unter heißen, feuchten Bedingungen sank die Körpertemperatur bei wiederholtem Auftragen von kühlem Wasser deutlich schneller als bei passivem Abkühlen. Bereits nach wenigen Minuten zeigten sich Unterschiede; Herzfrequenz und Rektaltemperatur waren innerhalb der 30-minütigen Erholungsphase bei aktiv gekühlten Pferden niedriger.

Dann geht es nicht darum, das Pferd kuschelig einzupacken.

Dann geht es darum, Wärme möglichst effizient loszuwerden.

Auch hier:

Situation anschauen.

Nicht das gleiche Rezept für jedes Pferd, jedes Wetter und jede Belastung.

Vielleicht ist Nachschwitzen manchmal einfach eine Nachricht

Und damit wären wir wieder bei unserem roten Faden.

Was wäre, wenn wir nicht jedes körperliche Phänomen sofort beseitigen wollen?

Sondern zunächst fragen:

Was sagt mir das gerade?

Schwitzt mein Pferd nach nahezu jeder kleinen Belastung extrem?

Braucht es sehr lange, bis Atmung und Kreislauf herunterfahren?

Ist das neu?

Ist seine Kondition passend?

Ist sein Fell extrem dicht?

Ist es zu warm eingedeckt?

War die Trainingsintensität heute höher?

Ist die Luft ungewöhnlich warm oder feucht?

Oder ist das gerade einfach seine normale Erholungsreaktion nach einer guten Trainingseinheit?

Nicht jedes Nachschwitzen braucht eine Lösung.

Manches braucht zunächst:

Beobachtung.

Vielleicht brauchen wir wieder etwas mehr Zeit

Wir leben gerne effizient.

Training fertig.

Pferd fertig.

Nächster Termin.

Aber Pferdekörper funktionieren nicht nach unserem Kalender. Vielleicht besteht gutes Training manchmal auch darin, nach dem eigentlichen Training noch da zu sein.

Eine Viertelstunde Schritt. Eine Abschwitzdecke. Noch einmal wechseln.

Ein bisschen Stroh. Ein paar Minuten unter dem Solarium.

Oder einfach beobachten, wie Atmung, Wärme und Körper wieder zur Ruhe kommen.

Nicht spektakulär. Aber vielleicht ziemlich sinnvoll. Und wertschätzend unserem Partner Pferd gegenüber, oder?

Und damit endet unsere kleine Decken-Winterfell-Serie

Wir haben die Pferde gefragt, ob sie eine Decke möchten.

Wir haben festgestellt, dass 7 Grad nicht automatisch 50 Gramm bedeuten.

Wir haben gefragt, ob wirklich jedes Winterfell abgeschert werden muss.

Und jetzt landen wir eigentlich bei etwas ganz Einfachem:

Schau dein Pferd an.

Nicht die Tabelle.

Nicht den Stallnachbarn.

Nicht den neuesten Trend.

Das Pferd.

Wie reagiert es?

Wie erholt es sich?

Wie fühlt es sich an?

Wie war es beim letzten Mal?

Was hat funktioniert?

Und was vielleicht nicht?

Denn am Ende gibt es keine allgemeingültige Antwort für „das Pferd“.

Es gibt nur immer wieder die Frage:

Was braucht dieses Pferd heute?

Und vielleicht ist genau das eines der schönsten Dinge an Pferdehaltung:

Dass die Antwort morgen schon wieder eine andere sein darf.


Quellen

Wallsten, H., Olsson, K. & Dahlborn, K. (2012):
Temperature regulation in horses during exercise and recovery in a cool environment.
Acta Veterinaria Scandinavica, 54:42.
DOI: 10.1186/1751-0147-54-42.

Morgan, K., Funkquist, P. & Nyman, G. (2002):
The effect of coat clipping on thermoregulation during intense exercise in trotters.
Equine Veterinary Journal Supplement, 34, 564–567.
DOI: 10.1111/j.2042-3306.2002.tb05484.x.

Kang et al. (2012):
Effects of cooldown methods and durations on equine physiological traits following high-intensity exercise.
Livestock Science, 143(1), 70–76.
DOI: 10.1016/j.livsci.2011.08.016.

Marlin et al.:
Evaluation of washing with cold water to facilitate heat dissipation in horses exercised in hot, humid conditions.
Untersuchung zur aktiven Kühlung von Pferden nach intensiver Belastung unter heißen und feuchten Bedingungen.

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